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Bildergalerie

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25.06.2017

 

TALK BEI MAISCHBERGER

Muss ein Film gegen Antisemitismus in Europa pro-jüdisch sein?

Von Alan Posener | 22.06.2017 |

 

Der Film ist eine Gegenrede. Eine Gegenrede zu jener These, die gleich in der ersten Einstellung formuliert wird von Mahmoud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde. Gäbe es Frieden zwischen Israel und den Palästinensern, so Abbas vor dem Europäischen Parlament, dann würden alle Konflikte im Nahen Osten gleich mit gelöst werden, dann gäbe es weltweit keinen Terror mehr.

Und da die Israelis nach Lesart des Palästinenserführers schuld daran sind, dass es nicht zum Frieden kommt, so ist der jüdische Staat an all dem Leid im Nahen Osten und am weltweiten islamischen Terror schuld. So – im Herzen Europas – beginnt „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“.

Gaga? Natürlich. Jeder weiß, dass Israel weder an den Bürgerkriegen in Syrien, dem Libanon, dem Jemen oder in Libyen noch am dschihadistischen Terror schuld ist, der New York, London, Paris, Brüssel, Moskau, Istanbul und so viele andere Städte heimgesucht hat.

Und doch erheben sich die – von uns gewählten! – Abgeordneten des Europäischen Parlaments, um mit Standing Ovations einen Mann zu feiern, der im kommunistischen Moskau seinen Doktor mit einer Arbeit bekam, in der behauptet wird, der Holocaust sei ein gemeinsames Werk von Zionisten und Nazis gewesen, und der in seiner Rede die Lüge verbreitet hat, israelische Rabbiner wollten die Brunnen der Araber vergiften, um möglichst viele Palästinenser zu töten.

Auch die arabischen Länder haben eine Verantwortung

Aber die Juden sind eben nicht an allem schuld: Würde in den arabischen Ländern – einschließlich der palästinensischen Autonomiebehörde – nicht Despotismus, Korruption und Vetternwirtschaft, Gewalt und Fanatismus, sondern Demokratie herrschen, wäre der israelisch-arabische Konflikt längst gelöst, und es gäbe erheblich weniger Terror in der Welt.

Weil aber die Juden für die islamischen Herrscher aller Couleur ein so nützlicher Feind sind, wie sie es zwei Jahrtausende lang für christliche Herrscher waren, gibt es keinen Frieden.

Diese einfache Wahrheit belegt der Film von Joachim Schroeder und Sophie Hafner. Und er belegt, dass diese Wahrheit in Europa nicht begriffen wird, weil Linke und Rechte, Antiimperialisten und Identitäre, Christen und Muslime antisemitischen Stereotypen aufsitzen, auch wenn sie das in vielen Fällen weit von sich weisen würden. Niemand will Antisemit sein. Aber Antizionist sein gehört zum guten Ton.

ARD spricht von „handwerklichen Fehlern“ des Films

Weil diese Wahrheit so unbequem ist, wollte der deutsch-französische Sender Arte, der den Film in Auftrag gab, ihn nicht senden. Er schob „handwerkliche Fehler“ der eingereichten Erstfassung vor. Es waren, so WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, der nach der Ausstrahlung des Films bei „Maischberger“ dazu Stellung nahm, sieben Persönlichkeitsrechtsverletzungen und 25 inhaltliche Fehler, darunter falsche Jahreszahlen.

Als ob irgendein Film in der Rohfassung keine „handwerklichen Fehler“ hätte. Sie zu verbessern, sind die hoch bezahlten Redakteure und Justiziare der öffentlich-rechtlichen Sender ja da. Aber der Film wurde nicht verbessert, sondern liegen gelassen. Als die „Bild“-Zeitung sich den Film besorgte und ihn 24 Stunden lang online stellte, konnte sich jeder seine Meinung bilden über die „handwerklichen Fehler“ und über die inhaltlichen Qualitäten des Films. Und siehe da, die ARD und bald danach Arte sahen sich gezwungen, ihn doch zu senden.

Die ARD wäre aber nicht die ARD, wenn sie ihn kommentarlos ausgestrahlt hätte, auf dass sich die Gebührenzahler eine Meinung darüber bilden, wie ihre Gelder verwendet werden. Was bei keinem anderen kritischen Film und keinem anderen Thema – Trump oder Putin, Klimawandel oder Euro-Krise, Kapitalismuskritik oder Orgasmusprobleme – der Fall wäre: Hier wurde erstens alle paar Minuten eingeblendet, der Zuschauer solle sich unbedingt online einen „Faktencheck“ anschauen, der Film wurde also ständig desavouiert. Und zweitens wurde vorsichtshalber bei „Maischberger“ eine sogenannte Expertenrunde versammelt, die den Film nach der Ausstrahlung kommentieren sollte. Wobei „Experte“ ein dehnbarer Begriff ist.

Der Film und seine Expertenrunde

Michael Wolffsohn ist, was Israel und den sogenannten Nahostkonflikt und das Verhältnis von „Israelkritik“ und Antisemitismus betrifft, sicher Experte. Der als israelischer Bürger arabischer Eltern aufgewachsene Ahmad Mansour, der in Berlin mit muslimischen Jugendlichen arbeitet, ebenfalls. Kaum jemand weiß mehr über den islamischen Antisemitismus in Europa.

Das war es aber schon mit dem Expertentum; und diese beiden Experten hatten vorher den Film gelobt. Rolf Verleger qualifizierte sich einzig und allein für die Runde, weil er ein Jude ist, der Israel kritisiert. Was ja legitim ist, aber nichts daran ändert, dass Verleger keine andere Funktion hat, als den proisraelischen Juden Wolffsohn zu neutralisieren.

Die Journalistin Gemma Pörzgen ist Expertin für die Apartheidpolitik in Südafrika und für Osteuropa, war mal zwei Jahre in Israel, qualifizierte sich für die Runde anscheinend, indem sie auf Facebook schrieb, der Film sei „ein unsägliches Machwerk von Überzeugungstätern“. Und Norbert Blüm ist dabei, weil er immer dabei ist. Und weil er sich als Israel-Kritiker profiliert hat. Öffentlich-rechtliche „Ausgewogenheit“: zwei Befürworter des Films, drei Kritiker.

Müsse ein Film gegen den Antisemitismus in Europa eigentlich projüdisch sein, fragte Sandra Maischberger zum Auftakt der Sendung Jörg Schönenborn. Eine Frage, auf die man nur mit Ja antworten kann, was sonst, auf die Schönenborn antwortete, er müsse „promenschlich“ sein, als sei das ein Unterschied.

Er gab damit die Linie der Kritiker vor: der Film sei „propagandistisch“, sagte Verleger. Der Film habe eine „Agenda“, so Pörzner, das sei unjournalistisch (als habe sie bei ihrer journalistischen Arbeit in Südafrika etwa keine antirassistische Agenda gehabt). Und Blüm klagte, man komme ihm immer mit der „Antisemitismuskeule“, wenn er Israel kritisiert.

Blüm sorgt für Ablenkung

Überhaupt sorgte Blüm ständig für Ablenkung. Ablenkung von der Hauptsache. Er habe als Siebenjähriger erlebt, wie die jüdische Nachbarin abgeholt wurde, so Blüm, kein Deutscher könne sagen, er habe nichts vom Holocaust gewusst. Und aus dieser Schuld folge für ihn die Verantwortung – nein, nicht Israel gegen die Verleumdungen eines Mahmoud Abbas zu verteidigen, nicht dem grassierenden Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen in Deutschland zu begegnen, sondern Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, die von Israel begangen werden.

Dem Film, der den Hass auf Israel dokumentierte, warf Blüm vor, er „dreht an der Spirale des Hasses“ und „folgt der Logik der Rache“ – ein uraltes antisemitisches Klischee, das immer wieder gegen Israel vorgebracht wird, was Maischberger vielleicht zu der Frage motivierte, ob Blüm ausschließen könne, durch christlichen Antijudaismus beeinflusst worden zu sein. Eine Frage, die er nicht beantwortete.

Überhaupt moderierte Maischberger überlegen; führte immer wieder zur Kernfrage zurück: Gibt es einen steigenden Antisemitismus in Europa, der Juden als verlängerten Arm der angeblich übermächtigen „Zionisten“ zu legitimen Zielen der Gewalt erklärt? Eine Frage, die der am gleichen Tag im Bundestag diskutierte Bericht der Expertenkommission zum Antisemitismus ohne Wenn und Aber bejaht, der aber Pörzgen, Blüm und Verleger immer wieder ausweichen wollten. Typisch war folgender Wortwechsel:

Rolf Verleger: „Ahmad Mansour kehrt als Moslem vor seiner eigenen Tür und kritisiert den Antisemitismus. Das müssen wir Juden auch tun und Israels Politik kritisieren.“

Ahmad Mansour: „Warum? Warum müssen sich deutsche Juden für Israel verantwortlich fühlen?“

Verleger: „Der Zentralrat der Juden kritisiert nie Israel.“

Mansour: „Warum sollte er das tun?“

Dass ein deutscher Palästinenser einen deutschen Juden darauf hinweisen muss, dass es keine Kollektivschuld der Juden gibt für die vermeintlichen oder wirklichen Untaten Israels, das gehörte zu den erhellenden Momenten dieses Abends.

Bei der Frage, wie man dem Antisemitismus heute begegnen könne, etwa in der Schule, zeigte es sich jedoch, dass nichts schwerer ist, als über die eigenen Denkmuster hinwegzukommen: indem man „nicht nur vom Holocaust“ rede, so Pörzgen, sondern auch vom „Narrativ der Palästinenser“; als sei eben jenes Narrativ, demzufolge die Opfer von einst sich nun selbst wie Nazis benähmen, nicht Teil des Problems.

Indem man „den Terror beider Seiten thematisiert“, so Blüm, und nicht nur den von Fatah, Hamas und Co. – als hätten nicht gerade Untersuchungen zur Darstellung des Konflikts in deutschen Schulbüchern ergeben, dass sie erschreckend einseitig sind und die Israelis ausschließlich als Täter, die Araber als Opfer darstellen. Indem man erkenne, dass der Antizionismus heute ein Nichts sei im Verhältnis zum Holocaust, der ihm die Familie raubte, so Verleger; als hieße es nicht, den Anfängen wehren.

Es ist zu hoffen, dass der Film wenigstens unter den Zuschauern etwas in Bewegung gesetzt hat. Gewiss, er ist einseitig, angreifbar, teilweise geschwätzig, selbstverliebt – und ja, er verfolgt eine Agenda, nämlich eine Kritik der einseitigen „Israelkritik“: Er dürfte deshalb weiterhin eine Ausnahme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sein, das auf keinen Fall in den Verdacht kommen will einen „projüdischen“ Film zu zeigen.

https://www.welt.de/vermischtes/article165784062/Muss-ein-Film-gegen-Antisemitismus-in-Europa-pro-juedisch-sein.html